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Wetterauer Zeitung vom 05. Oktober 2002




 



 

»Nach sechs Monaten war die Wohnung vermüllt«

Sozialhilfeempfänger-Paar hinterlässt Bild des Grauens ­
Verweste Hasen im Bad ­
Vermieter fühlen sich allein gelassen-


Wetteraukreis (jw). Als das Vermieterehepaar Anneliese und Dieter Eckhardt am 29. Juli dieses Jahres endlich Einlass in ihre Mietwohnung in einer östlichen Kreisgemeinde erhalten, zeigt sich ihnen ein Bild des Grauens: Müllberge, Dreck, Schimmel, Tierhaare und Unrat aller Art liegen verteilt über die drei Zimmer auf dem Boden, auf Schränken, Stühlen und Tischen. Von umherkriechendem Ungeziefer und dem stechenden Geruch ganz zu schweigen. »Das waren unglaubliche Zustände«, sagt die Vermieterin. Und es kam noch schlimmer. Als die Mieter, das arbeitslose Sozialhilfeempfänger-Paar Peter und Petra St. (Name geändert, die Red.), nach der fristlosen Kündigung plötzlich wie spurlos verschwunden sind und die Wohnung mit Hilfe der Polizei aufgebrochen wird, sind die Räume völlig vermüllt. Im verschlossenen Badezimmer vegetieren in einem Käfig zwei Hasen, zwei weitere Hasen sind einige Tage zuvor verstorben und liegen zwischen Tierhaaren und Kot auf dem Boden, drei Hasen sind bereits verwest. Mittlerweile sind die Mieter ausgezogen, die Wohnung wird entrümpelt und muss desinfiziert werden. Den Eheleuten Eckhardt ist ein Schaden in fünfstelliger Höhe entstanden. Auf einer Internet-Homepage (www.sozialnotstand.xmec.de) haben sie ihren Fall dokumentiert. Und sie richten Vorwürfe an das Sozialamt des Wetteraukreises. Dieses habe über die Lebensgewohnheiten des Ehepaares Bescheid gewusst, sei mehrfach auf das »Vermüllungssyndrom« angesprochen worden, habe aber nicht reagiert.
Angefangen hat alles am 1. Februar, als das junge Ehepaar einzog. Nach den chronologischen Aufzeichnungen der Vermieter war die Wohnung bereits zehn Tage später in unordentlichem Zustand. Die Straße wurde nicht gekehrt, die Treppe nicht geputzt. Auf die Ermahnungen hin, der Hausordnung nachzukommen, wurde ein Besichtigungstermin der Wohnung verabredet. Doch dreimal wurde den Eckhardts die Tür nicht geöffnet. Im Mai erhielten die Vermieter seitens des Sozialamtes die Nachricht, dass die Miete künftig nur noch zum Teil übernommen werde. Peter St. hatte eine Arbeitsstelle gefunden und sollte, wie es das Gesetz vorsieht, den Rest der Miete begleichen. Was in der Folge aber nicht geschieht. Mängellisten werden verschickt, wieder wird versucht einen Gesprächstermin zu vereinbaren, schließlich erhalten die Mieter die zweite Abmahnung und die fristlose Kündigung. Als die Mieterin einmal an der Tür angetroffen wird, habe sie psychisch sehr angespannt reagiert und Kaffee nach der Vermieterin geschüttet. Als die Eckhardts dann Ende Juli endlich Zugang zur Wohnung erhalten, übertrifft das, was sie sehen, jegliche Vorahnung. Die Wohnung gleicht einer Müllhalde. Auf der Internetseite haben Dieter und Anneliese Eckhardt »die schwärzesten sechs Monate unserer Vermieter-Laufbahn« akribisch und mit vielen Fotos aufgezeichnet. »Unsere Mieter haben eine saubere Wohnung innerhalb eines halben Jahres in einen mit Ungeziefer und Schimmel befallenen Hasenstall verwandelt«, sagen sie, wollen mit der Dokumentation aber zugleich auf einen Missstand hinweisen, der sicherlich kein Einzelfall sein dürfte. »Diese Leute sind krank«, sagt Anneliese Eckhardt, die davor warnt, schwierige Sozialfälle seitens der Ämter allein zu lassen. Entsprechend ihren Bedürfnissen müsste diese Leute betreut werden, bevor sie und die Gesellschaft Schaden nehmen. Nicht nur die finanzielle Unterstützung durch Mietbeihilfen müssten geleistet werden, sondern auch eine Art »Lebenshilfe«. Das sei hier offenbar versäumt worden.
Familie ist den Ämtern bekannt
Was die Eckhardts besonders verärgert, ist die Tatsache, dass ihre ehemaligen Mieter beim Sozial- wie auch beim Jugendamt keine unbeschriebenen Blätter sind. Die Probleme der Familie St. seien bekannt, heißt es denn auch aus dem Kreishaus. Das Jugendamt hat in der Vergangenheit gehandelt und dem Paar die Kinder weggenommen. Eines davon, ein Säugling, soll nach Informationen der WZ aufgrund der hygienischen Zustände offenbar in akuter Lebensgefahr geschwebt haben. Das Jugendamt kam somit offenbar seinen Pflichten nach und hatte, nachdem die Kinder in eine neue Obhut gegeben worden waren, keinen Handlungsbedarf mehr gesehen. Jetzt wäre es am Sozialamt gewesen, hier einzuschreiten. Mehrfach, so die Eckhardts, sei man bei der Amtsstelle in Büdingen vorstellig gewesen; passiert sei nichts, niemand habe sich zuständig gefühlt. Wie die Pressestelle des Wetteraukreises mitteilt, sei das Sozialamt für die wirtschaftliche Seite zuständig. Wenn es Probleme gebe, würden Hausbesuche gemacht, weitere Schritte erfolgten dann in Abstimmung mit der Kommune. Ob dies im vorliegenden Fall versäumt wurde, konnte in den vergangenen Tagen nicht mitgeteilt werden, da die betreffenden Mitarbeiter im Urlaub sind. Es sei allerdings bekannt gewesen, dass die Familie bereits in einer vorherigen Wohnung Probleme mit dem Vermieter gehabt habe.
Vermieter sind die Leidtragenden
Die Leidtragenden sind in solchen Fällen die Vermieter. Die Eckhardts nennen neben den hohen Renovierungskosten und den Mietausfällen auch den immensen Zeitaufwand, der durch ständige Fahrten zu der Wohnung und durch die Aufräumarbeiten entstanden. Das Bad der Wohnung sei nicht mehr zu benutzen und müsse komplett erneuert werden; wegen der hygienischen Situation, die man beim Aufräumen vorfand, klagten Familienmitglieder anschließend über Übelkeit und Ekelgefühle. Nun hoffen die Eckhardts auf die Übernahme der Kosten durch den Staat und sie appellieren an Politiker und Behörden, in solchen Fällen künftig frühzeitiger zu reagieren und Hinweise nicht unbeachtet zu lassen. Wo sich Peter und Petra St. derzeit aufhalten, wissen die Eckhardts nicht. »Die gehen in die nächste Wohnung und alles geht von vorne los.«